A witchy Life

by Napgyermek


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Ma
Abenteuer ÖV: Die Reise zu sich selbst
24.05.2017 19:10

Heute war einer dieser Tage, der mich auf der Arbeit eher schlauchte.
Ich versuchte, es jedem recht zu machen, mit dem Ergebnis, dass ich nirgends richtig hinkam. Man erwartete von mir Lösungsvorschläge bei Situationen, die nahezu keine Optionen offen lassen. Ich drehte mich den ganzen, verdammten Tag völlig sinnlos im Kreis und fühlte mich trotz toller Kollegschaft allein. Bei der Szupervision verpasste ich mir selbst einen Maulkorb und versank in den Abgründen meines Inneren.

Manchmal kriege ich zu hören, dass ich geistig abwesend sei.
Manches Mal mag das stimmen, meistens verwechseln die Menschen jedoch meine stille Art mit mentaler Abschweifung – während ich in Wahrheit oft eher dermassen auf alles um mich herum so stark fokussiert bin, dass ich mich extrem konzentriere und entsprechend nahezu alles Andere automatisch einstelle. Ich kann in Details versinken, mein Verstand rattert quasi andauernd, auch wenn es äusserlich den Anschein erweckt, dass ich weit, weit weg bin und einfach gar nicht denke...

 

Heute war ich mit den Gedanken tatsächlich woanders, zumindest teilweise. Auf dem Heimweg fragte ich mich einmal mehr, ob ich gut genug für diese Berufung bin, die ich so sehr liebe, warum grundsätzlich alle alles besser können, warum ich hingegen absolut inkompetent bin und wie ich es überhaupt je so weit bringen konnte und überhaupt...


Die Zweifel nagten an mir, bis mich einer meiner Klienten aus meinen Gedanken riss. Er war unterwegs und wollte den selben Busz in die Stadt nehmen.
Wir traten die Reise gemeinsam an und die dunklen Stimmen aus meinem Inneren verstummten, als ich den Sorgen meines Klienten lauschte – nur, weil ich Feierabend habe, bedeutet das ja nicht, dass mir alles egal ist. Und der junge Mann, etwa im Alter meines kleinen Bruders, ist charakterlich ein sehr feiner Kerl, der sich einfach manchmal durch sein Verhalten selbst im Weg steht... Wie ich auch, gewissermassen, nur halt anders.

 

Im Verlauf der Reise gelang es mir, seine Stimmung aufzuhellen.

Ich hörte ihm hauptsächlich einfach zu, gab ihm Raum um sich seelisch "auszukotzen" und vertrat meine Meinung dennoch klar und bestimmt, jedoch ohne sie in seinen Fokus zu stellen. Zu guter Letzt schlug ich erfolgreich mehrere Einladungen zu Kippe und Bier aus; es blieb beim Austausch von Schlüsselanhängern (Schon lustig, wie sich meine Mitpendler immer in diese kleinen Energiedelphine an meinem Rucksack vergucken, obwohl ich noch so viele andere Anhänger an mir klimpern habe! Das ist jetzt locker der Dritte, den ich so schon losgeworden bin...).

In Winterthur liess ich ihn frohen Mutes seiner Wege ziehen, einmal mehr staunend darüber, wie viel Gutes in diesem menschlichen Bündel voller Fluchworte sich doch verbirgt.

Alltagsglück (Artist unknown)

Mein Weg führte mich nach einem kurzen Organisationsaufenthalt in der Stadt weiter, dem Dorf und der Familie entgegen.


Ich wechselte den Regionalzug und machte es mir bei einem Fensterplatz und guter Musik gemütlich. Meine Gedanken ratterten weiter, jedoch nicht mehr ganz so zerknirscht.
Alsbald gesellten sich zwei Mitreisende zu meiner Sitzgruppe dazu: Augenscheinlich ein Vater und seine kleine Tochter. Ich heftete meinen Blick auf die vorbeirasende, teilweise noch unüberbaute Landschaft und horchte der leisen Musik im Ohr, denn ich wollte die traute Zweisamkeit nicht stören; dennoch konnte ich mir meine bittere Standardmiene nicht ganz bewahren. Das Mädchen, ein kleiner, blonder Engel im marineblauen Tupfenkleidchen, verzog die rosigen Wangen zu einem frechen Dauergrinsen begleitet von einem herzerwärmenden Kichern. Ihre Augen schienen zu glänzen, während sie mit dem Vater die tollsten Spässe trieb, sich eine Keks aus seiner Hemdtasche erbeuten zu wollen, der doch eigentlich für die Mama angedacht ist. Voller Frohsinn erhebt sich ihre Stimme bei den Betonungen, wenn sie dem Vater vorliest, was auf einem Zettel steht und beim anschliessenden Faltfliegerbasteln aus eendiesem Papier. Sie erhalten diese Unbeschwertheit, diesen winzigkleinen Moment der Leichtigkeit im Alltag, bis sie in Pfungen aussteigen und mich mit einem schönen Gefühl weiterreisen lassen, auch wenn sie es wohl nicht wissen.

 

Man mag mich für verrückt halten, aber all diese Dinge entgehen mir nicht, auch wenn es vielleicht den Anschein erweckt. Und sie entgehen mir nicht nur physisch nicht, sondern auch psychisch. Es sind solch kleine Dinge, völlig fremde Dinge von mir sonst so völlig fremden Themen, die mir den Tag trotzdem versüssen können.
Es sind Zeichen des Lebens, die ich Öv wahrnehme. Im Gegensatz zu Autofahrten, welches für mich hauptsächlich aus Schilderwäldern und der Todesgefahr durch andere PW-Fahrer bestehen, ist das Reisen mit dem öffentlichen Verkehr für mich ein kleines Erholungsgebiet, auch wenn es mich pro Weg 90 Minuten mehr Zeit kostet. Es ist Zeit, in der ich die Umwelt wahrnehme
, für die ich mich heimlich begeistert interessiere.

 

Und das ist nur eine der zahlreichen Möglichkeiten, wie ich persönlich die Reise geniesse, diesen Weg, der für mich das Ziel ist.
Ich lerne.
Ich schlafe.
Ich träume.
Ich verarbeite.
Ich finde zu anderen, indem ich Zeit für Kontakte finde, sei es digital oder von Angesicht zu Angesicht.

Und nicht zuletzt finde ich manchmal zu mir selbst.
Ich lebe und liebe diese Zeit, meine Zeit.

Dieser Chance bin ich mir bewusst, jedes Mal aufs Neue.
Danke.

Veränderung
Umbra-Esbat: Mai 2017

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