A witchy Life

by Napgyermek


21
Ju
Litha 2017
21.06.2017 22:00

17 Stunden.
17 ganze Stunden bin ich nun schon wach – und nahezu vollständig hat in dieser Zeit der Stern unses Sonnensystems gnadenlos auf mich herabgebrannt! Schon irre, wenn man mal so drüber nachdenkt...

 

Ich mag die warme Jahreszeit. Die Menschen sind gut drauf, alles um mich herum wirkt bunter, fröhlicher, leichter.
Aber diese Hitze! Diese Hiiiiiitze!! Jedes Jahr der gleiche Kampf... Und jedes Mal stehe ich als eindeutiger Verlierer da, oder viel mehr: Ich liege, wie so eine tote Fliege, ertrinkend im eigenen Saunasee, den ich zuvor jeweils trinken muss, um nicht von innen nach aussen zu verkokeln.
Dennoch ist Litha ein Sabbat, den ich ganz besonders mag. Normalerweise verkörpert er für mich das flammende und feurige Temperament Ungarns, denn seit Jahren habe ich dieses Jahresfest nicht mehr in der Schweiz praktiziert. Entsprechend war der heutige Tag für mich ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber deswegen keineswegs schlecht.

Sonnenaufgang
Segnung des Korns
Lichtspektakel über dem Feld
Wolkenwelten

Mein Tag begann also, entsprechend dem Verlauf der Sonne, quälend früh. In heissen Nächten schlafe ich sehr schlecht und so musste ich mich förmlich selbst aus dem Bett prügeln, leise fluchend, dass arbeitsfreie Tage auch arbeitsfrei sein sollten. Doch davon konnte heute nicht die Rede sein, ganz und gar nicht, denn mein Tag war nicht nur geprägt durch die Sommersonnenwende, sondern auch durch gefühlt tonnenweise Schulmaterial, das es zwischendurch in Panik nochmals durchzubüffeln galt – all unseren Berufsschullehrern ist gleichzeitig und erst jetzt eingefallen, dass sie ja so etwas wie einen Notenschnitt für ein Semesterzeugnis brauchen und so gehen wir morgen nur in die Schule, um Prüfung an Prüfung zu schreiben. Entsprechend war mein Sabbat immer wieder sehr "weltlich" durchzogen und in der Praxis von Unterbrüchen geprägt, obwohl ich mir extra dafür freigenommen hatte. Meh.

 

Entsprechend eisern blieb ich dran.

Im Halbschlaf stolperte ich unter die Dusche, kleidete mich entsprechend dem Sabbat, mit Sonnenblumenreif im Haar und mit einem rosafarbenen Batikshirt, auf dessen Brust ein sonnenähnliches Muster prangt.


Noch in der Dunkelheit stolperte ich auf den Feldwegen ums Dorf gen Osten, wo der klare Himmel bereits rötlich schimmerte. Beim Aufgang der Sonne zollte ich Apollon mit dem Tamburin Tribut. Dann machte ich mich ans Segnen der Felder, die trotz der massiven, fast schon widerlich-krankhaften Überbauung Weychs noch zahlreich vorhanden sind (zum Glück!). Mit dem Fahrrad, den Schädeln, dem Medizinbeutel und dem Stab im Gepäck strampelte ich mich von Acker zu Acker, segnete Gerste, Mais, Rhabarber, Kopfsalate. Ab und an schenkten mir die Götter einen Anteil der Ernte, welche bereits vereinzelt abgeknickt am Feldrand lag. Ich nahm die Gaben dankend an und beschloss sie für den Altar zu verwenden.

 

Als würde der Himmel meine Bitte erhören, auf dass die Felder auch unter strahlendem Stern fruchtbar bleiben, tauchte gen Mittag eine Wolkenfront von Norden her auf. Kurze, warme Regenschauer fielen herab und bewässerten auch jene staubtrockenen Felder, auf denen keine Wasserwerfer aufgestellt waren. Dazu grollte der Donner, so, als antworte er mir auf mein morgendliches Trommeln. Dabei zeigte sich ein aussergewöhnliches Lichtspektakel am Himmel: Die Atmosphäre leuchtete von Baby- bis Königsblau und selbst graue Regenwolken waren in einer Aura aus Licht eingehüllt. Und das alles gleichzeitig, einer künstlerischen Kulisse gleich! Es war herrlich und sehr speziell mit anzusehen.

Mais-Segen
Lilium bulbiferum(?)
Das letzte Sonnenlicht
Litha-Altar

Nach dem Segnen der umliegenden Felder erstand ich mittels einer neuen 20er-Note, die ja in ihrer gestalterischen Darstellung den Licht-Aspekt verkörpert, auf dem Sternenplatz zwei Sonnenblumen. Ausserdem kaufte ich im angrenzenden Dorflädeli einen Fairtrade-Orangensaft, ehe ich mich wieder zum Haus begab.

 

Der kurze Heimweg führte mich auch am Haus meiner Onkel, die direkt nebenan in einem alt-ehrwürdigen Riegelhaus wohnen,vorbei. Sie besitzen viel grünes Land um ihr Heim und während sie im Vorplatz der Garage mit dem benachbarten Bauern einen ihrer Traktore richteten, erblühte in einem ihrer Gärten ein Meer aus Feuer-Lilien.
Während die klassische, weisse Lilie bei uns eher ein Trauersymbol ist und spirituell den Familiensinn verkörpert, so steht die orangerote Feuer-Lilie in den esoterischen Lehren als Zeichen für die Macht der Selbstbestimmung.
Ich wertete diesen "Eyecatcher" als Zeichen, denn Selbstbestimmung ist bei mir bereits beruflich zum grossen Thema des nächsten Semesters auserkoren worden...

 

Kaum war ich wieder im etwas kühleren Trocknen angekommen, machte ich mich am Altar ans Werk. Nebst den Sonnenblumen brachte ich viererlei Gaben mit: Ein Maisblatt, eine goldgelbe Gerste, ein Rhabarberblatt und ein Stück wilde Kamille, stellvertretend für all die "wilde", nicht von Menschenhand bewusst gesetzte Ernte, die sich im umliegenden Gebiet so findet. Ich gestaltete den Altar intuitiv, bereitete alles für die zweite Phase des Sabbats vor und machte anschliessend einen Cut, um meinen Schulstoff in Ruhe auffrischen zu können, alltäglichen Pflichten nachzugehen und dem Abendessen beizuwohnen. Erst dann zog ich mich wieder in mein Zimmer zurück, um mich dem feierlichen Abschluss des Fests wieder in Ruhe widmen zu können.

 

Ich schnitt eine Banane auf (natürlich bekam Seto, der neugierig angetrippelt kam, zur Feier des Tages auch ein winziges Stück), liess via Lautsprecher die zusammengestellte Playlist leise und subtil erklingen, aktivierte die Lavalampe, entzündete die Altarkerze und zog die nachtblauen Vorhänge, die mein Zimmer zuvor angenehm kühl hielten, zurück: Herein floss das letzte, goldene Licht des Tages, da mein Zimmer gen Westen ausgerichtet ist. Das Licht wanderte über die letzten Stunden am ganzen , ausgerichteten Altarmöbel entlang, bis es den Schrein des Gottes, auf dem alle Gaben platziert wurden, hell erstrahlen liess.

 

Während ich den Stab für ein Kraftfeld aktivierte, zeigten sich die Schädel begeistert und sogen die Energie förmlich in sich auf, um sie für den Rest des Jahres, in welcher das Dunkel zunehmend regieren wird, zu bewahren. Schliesslich wurde Apollon erneut mit dem Tamburin beschworen und feierlich verabschiedet.

 

Ich bin glücklich und zufrieden.
Auch wenn nicht alles nach Plan lief, so war es ein intensives Fest und ich bekam viele Inputs "meiner" ursprünglichen Göttergestalten, als hätte ich mich nach dem Herumirren in der eigenen, inneren Finsternis selbst wieder ein Stück weit gefunden. Ich fühle mich aufgehoben und habe das Gefühl, dass alles wieder gut wird, trotz allem, das gerade belastet, im Grossen wie im Kleinen.

 

Ich blicke nach vorne.
So mote it be.

Ritueller Ausklang

Kommentare